Sebastian Moske & Elina Saalfeld | 15.05.2020 - 28.05.2020

Elina Saalfeld und Sebastian Moske nehmen in ihrer gemeinsamen Ausstellung im MMS-Offspace dessen temporäre Schließung zum Anlass, das Konzept des Ausstellungsraums grundlegend neu zu denken und zu erweitern. Anstelle der üblichen Öffnungszeiten haben sie sich dazu entschlossen, ihre Videoarbeiten lediglich nachts zu zeigen. Dies hat zunächst pragmatische Gründe: Die im Schaufenster des Ausstellungsraums positionierte Videowand, die sich beide teilen, ist bei Dunkelheit schlicht besser einzusehen. So wird die Straße zum Kinosaal, von dem aus die Betrachter*innen auf die Leinwand schauen. Doch manifestiert sich in dieser Umkehrung eines traditionellen Formats auch die gegenwärtige Re-Formulierung eines Öffentlichkeitsbegriffs im Zuge von Covid-19: Soziale Nähe meint aktuell physische Distanz und ein elementarer Schutz des Kollektivs benötigt nun die individuelle Vereinzelung. Die transparente Glasfront fungiert damit als Metapher eines trennenden, aber zugleich schützenden kinematographischen Displays. Der Screen und das Ausstellungsformat selbst werden zum Aushandlungsort gesellschaftlicher Transformationen.

Das Nachspüren, das dieser gesellschaftliche Diskurs zugleich impliziert, wiederholt sich in den spezifischen Werken der beiden Künstler*innen. Elina Saalfeld geht in ihrer Videoarbeit einem Phänomen nach, das die Suche als explizit körperlichen und performativen Akt in den Fokus stellt. Die deutsch-finnische Künstlerin setzt sich in Metal 3d (2020) mit sogenannten Sondergänger*innen auseinander, die ihre Tätigkeit selbst als „sondeln“ beschreiben: Mit Metalldetektoren bewaffnet durchsuchen sie den Boden nach unterschiedlichen Gegenständen, historischen Artefakten, alltäglichen Hinterlassenschaften. Häufig geraten diese Hobby-Archäologen dabei auch mit der Denkmal- und Naturschutzbehörde in Konflikt. Saalfeld nähert sich dieser eigenwilligen, gar schrulligen Gemeinschaft jedoch weniger mit einem belächelnden oder moralisierenden Blick. Nach Monaten der Recherche in Onlineforen begab sie sich selbst auf die Suche: Die gefundenen Objekte zeigt sie nun als 3D-Renderings und stellt ihnen Aufnahmen der Fundorte gegenüber, die von Wildkameras aufgezeichnet wurde. So versucht Saalfeld eine konkrete Körperlichkeit, die sich nicht zuletzt im Akt des Grabens manifestiert, in den digitalen Raum zu übersetzen.

Auch Sebastian Moskes Kamerablick wird von einem suchenden Gestus dominiert: In [skript #2] (2020) tastet dieser zunächst die äußerer Architektur des Ausstellungsraums ab und wirft zugleich den Blick aus dem Off-Space hinaus – ein Blick, den aktuell nur das Kunstwerk selbst einnehmen kann. Wer stellt damit eigentlich wen aus? Diese ortsspezifischen Bilder kombiniert Moske zum einen mit weiteren Aufnahmen aus einem Fenster: Das Kameraauge folgt einer anonymisierten Person. Medienreflexiv wird die Kamera als theatrales Instrument markiert, das alles und jeden zum Ausstellungsobjekt macht, was es vor die Linse bekommt. Andererseits blendet der Künstler wiederholt das Bild des Bremer Spucksteins ein. In zentraler Lage auf dem Domshof dient(e) er als (diffamierende) Erinnerung an die Hinrichtung der Giftmörderin Gesche Gottfried. Bis heute wird auf diesen Stein gespuckt. Ausgehend von einer kritischen Re-Lektüre der historischen Ereignisse und der Frage nach den sozialen Bedingungen der Tat wird der Stein bei Moske als öffentliche Ausstellung anhaltender (misogyner) Gewaltstrukturen innerhalb der Gesellschaft evident.

Mira Anneli Naß

ein großer Dank geht an
Der Senator für Kultur,
Karin und Uwe Hollweg-Stiftung,
Waldemar Koch Stiftung,
Freundeskreis der Hochschule für Künste e.V.,
Hochschule für Künste Bremen,
AsTA HFK Bremen,
ZwischenZeitZentrale Bremen,

und

Mira Anneli Naß, Frederike Lauschke, Lilith Palusch und Nils.

Zum Sebastian Moske Website